Kategorien
Aktuelles

Verdammte selige Weihnachtszeit

Ein Kommentar

Ein paar Tage vergehen und plötzlich ändert sich die ganze Welt. Alle sind mal wieder überrascht, ganz plötzlich. „Oh, bald ist wieder Weihnachten“ zu sagen ist wieder schick und das Gesprächsthema des ganzen Monats.

Mit kitschigen Pullovern, Massen an Keksen und Weihnachtssingles, die von eingeschlafenen Füßen bis zur Kotztüte reichen, bringt man sich in die sogenannte „Weihnachtsstimmung“,

geprägt von „Vorfreude“ und der „leuchtenden Begeisterung in den Kinderaugen“ in der Spielwarenabteilung der Kaufhäuser, zumindest bis ihre Eltern ein mangelhaftes Budget vorschicken müssen, da nicht jeder die nötigen Goldreserven für gigantische Lego-Sets unterm Bett liegen hat. Ein Traum der sie alle vereint: Weiße Weihnachten.

Aber schneien wird es nicht, der Boden ist so grau wie immer, wenn nicht grauer und dreckiger; was an Schnee kommt, wird vom Verkehr zu grauer Matsche verklumpt, die dann in schmuddeligen Brocken gefriert und die Verkehssicherheit gefährdet. Meistens schneit es überhaupt nicht und der Boden bleibt nackt, schwer zu sagen, was besser ist. Vor allem aber bleibt er eiskalt, sowie auch die armseligen Überbleibsel des Winters alles eiskalt und finster machen. Das regelmäßige Lüften in den Räumlichkeiten der Corona-Krise verlangt den armen Insassen einiges ab, wer draußen neben der Maske auch eine Brille trägt, ist praktisch blind, ganz egal, wie oft und wie sehr er an dieser rubbelt.

Unberührt davon, zum Glück aller Weihnachtsromantiker, bleibt die Werbung, der Weihnachtsmann auf der Coca-Cola-Flasche wirkt noch immer zufrieden, aber bei ihm schneit es ja auch noch. Genau wie bei allen anderen, grinsenden Werbefamilien, die scheinbar auch nie Gesichtsmasken tragen müssen und trotz aller Vorsichtsmaßnahmen ihre gesamte, spiegelglatte Verwandtschaft einladen können, um am großen Festessen mit dem goldenen Besteck und Schweinebraten aus dem Aldi-Sonderangebot teilzunehmen. So falsch, wie die Kinderaugen auf diesen wunderschönen, gedruckten Bildchen leuchten, scheinen wohl die Augen der Eigentümer solcher Marken um diese Zeit heller als jeder 500-Watt Scheinwerfer, ganz echt ergriffen von der wunderbaren Weihnachtsstimmung.

Schon den Adventskranz kann man kaufen, aus Plastik – das ist ökologischer – und mit vorgefertigter Dekoration – wer hat denn schon noch Zeit dafür? -, die Batterien für die eingebaute Lichterkette sind mitgeliefert. Die neuen LED-Kerzen können sogar flackern, nicht dass sie damit jemals jemanden reinlegen würden, aber zugegeben, ein netter Versuch ist es.

Während Jesus bei der Tempelreinigung den Handel mit Opfergütern und Luther den Handel mit Ablassbriefen als Sünde verabscheuten, ist der Handel mit Weihnachtsbäumen nicht nur ganz legal, sondern allgemein akzeptierter und vollkommen unverzichtbarer Teil des alljährlichen Rituals.

Aber die Krippe hat den Dachboden ja auch seit Generationen nicht mehr verlassen, ist sie nicht gar vollkommen verschollen, und wozu sich die Mühe machen, ist doch Weihnachten eh das Fest der Kinder, der Freude, der Familie, der Genüsse, des Schenkens, und weiß der Geier was sonst noch alles.

Kai Simanski (12/20)